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BESCHAFFUNG & RECHNUNGSSTELLUNG

Nachhaltige Beschaffung im Unternehmen: Leitfaden 2026

Nachhaltige Beschaffung im Unternehmen: Richtlinie, Sozialklausel, CSRD nach Omnibus 2025, Lieferanten-Scoring und die Wirkung von Karte und 1%ForAll.

Mit der Ende 2025 verabschiedeten Omnibus-Richtlinie fallen rund 80 % der Unternehmen aus dem verpflichtenden CSRD-Geltungsbereich. Erledigt, also? Keineswegs: Ihre Auftraggeber bleiben erfasst und fragen bei ihrer Wertschöpfungskette weiterhin Daten ab. Nachhaltige Beschaffung im Unternehmen verschwindet also nicht — sie wechselt den Antrieb. Aus der erduldeten Konformität wird eine freiwillige Logik, getrieben von den Anforderungen der Großkunden und vom kommerziellen Druck. Dieser Leitfaden entfaltet, was eine nachhaltige Beschaffungsrichtlinie 2026 konkret bedeutet: Sozialklausel, Lieferantenbewertung, Anforderungen von oben — und die Rolle eines Zahlungsmittels als Hebel für messbare Wirkung.


Drei Punkte zum Mitnehmen:
  • Das Omnibus hebt die CSRD-Schwellen auf mehr als 1.000 Beschäftigte und 450 Mio. € Nettoumsatz: Die Kriterien werden kumulativ[1].
  • Rund 80 % der ursprünglich erfassten Unternehmen verlassen die Berichtspflicht — von ihren Auftraggebern bleiben sie gleichwohl zum freiwilligen VSME-Standard gefordert[2].
  • Eine Richtlinie für nachhaltige Beschaffung stützt sich auf die ISO 20400, Sozialklauseln und ein Lieferanten-Scoring (EcoVadis, Label RFAR)[3].

Warum nachhaltige Beschaffung mit dem Omnibus nicht erlischt

Das Omnibus-Paket wurde am 16. Dezember 2025 im Amtsblatt der EU veröffentlicht und tritt am 18. März 2026 in Kraft. Es transformiert die Schwellen: Um im verpflichtenden CSRD-Geltungsbereich zu bleiben, muss ein Unternehmen künftig 1.000 Beschäftigte und 450 Mio. € Nettoumsatz überschreiten. Die vormals alternativen Kriterien werden kumulativ. Das bezifferte Ergebnis: Rund 80 % der ursprünglich erfassten Unternehmen fallen heraus, und der europäische Rahmen schrumpft auf etwa 10.000 Gruppen[1]. Die ESRS-Standards werden um rund 60 % entschlackt.

Die naheliegende Schlussfolgerung — weniger Zwang, also weniger nachhaltige Beschaffung — übersieht einen entscheidenden Punkt. Die Großunternehmen, die der CSRD weiterhin unterliegen, müssen ihre Wertschöpfungskette nach wie vor belegen: namentlich ihre Scope-3-Emissionen und die Sozialpraktiken ihrer Lieferanten. Um diese Daten bei den KMU zu erheben, die nun außerhalb des Rahmens liegen, hat die EFRAG das VSME (Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs) entworfen: ein modulares, freiwilliges Referenzwerk, das Auftraggeber von ihren Subunternehmern legitimerweise anfordern können[2]. Mit anderen Worten: Die Pflicht steigt eine Etage hoch. Sie lastet nicht mehr direkt auf dem Lieferanten — sie erreicht ihn über die Stimme seines Kunden.

Merken

Die regulatorische Zwangsläufigkeit wandert die Kette hinab, sie verschwindet nicht. Wer aus dem CSRD-Rahmen fällt, wird der Rechenschaft nicht enthoben: Die Anfrage verlagert sich zu den Auftraggebern, die sie nun kommerziell austarifen.

Eine nachhaltige Beschaffungsrichtlinie aufbauen: das Fundament ISO 20400

Bevor Sie zu einem Kriterien-Spreadsheet greifen, brauchen Sie einen Rahmen. Der gebräuchlichste bleibt die ISO 20400:2017, Leitlinien für nachhaltige Beschaffung, aufgebaut auf der ISO 26000. Sie deckt die ökologischen, sozialen, ethischen und wirtschaftlichen Dimensionen des Einkaufs ab, gilt für Organisationen jeder Größe und hilft der Leitung, Richtlinie und Strategie festzulegen[3]. Ein oft übersehener methodischer Punkt: Die ISO 20400 ist kein zertifizierbares Managementsystem wie die ISO 9001 oder die ISO 14001. Man zertifiziert sich nicht darauf — man richtet sich an ihr aus. Ein Unternehmen, das eine „ISO-20400-Zertifizierung“ ankündigt, handelt unredlich.

Konkret gliedert die ISO 20400 die Herangehensweise in vier Schritte: die Grundlagen (Vision, Richtlinie, Anspruch), die Governance und Strategie (Einbindung in die Einkaufsprozesse), die Einbindung in die Praxis (Spezifikationen, Auswahlkriterien, Gewichtung) und schließlich die Messung und Verbesserung (Leistungskennzahlen, Review). Genau dieser letzte Block ist es, den die Werkzeuge bespielen: Ohne Daten je Lieferant, ohne konsolidiertes Reporting bleibt die Richtlinie eine Absichtserklärung. Wer die zugehörige CO₂-Wirkungskette vertiefen möchte, ergänzt das Bild mit unserem praktischen Leitfaden zu Scope 1, 2 und 3.

Die Sozial- und Umweltklausel: ein unterschätzter Hebel

Nachhaltige Beschaffung zeigt sich zuerst in Vertragsklauseln. Im öffentlichen Sektor erlaubt Artikel 38 der französischen Vergabeordnung von 2015 (Ordonnance Nr. 2015-899) zusammen mit Artikel 62 der Ausführungsverordnung soziale Erfüllungsklauseln: Eingliederungsstunden, Beschäftigung über Strukturen der beruflichen Eingliederung, Arbeitsplätze für Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt[4]. Die Privatwirtschaft adaptiert das in großem Umfang: Diese Klauseln lassen sich ohne Schwierigkeiten in B2B-Verträge übertragen.

Die beiden Mechanismen schließen sich nicht aus. Die Erfüllungsklausel schreibt ein Verhalten während des Vertrags vor. Das Zuschlagskriterium gewichtet die Lieferantenwahl im Vorfeld. Ein ernsthafter Einkäufer kombiniert beides: Er bewertet die CSR-Strategie in der Ausschreibung und verankert die Zusagen anschließend in einer Erfüllungsklausel. Der nationale Rahmen setzt explizite Ziele: 100 % der öffentlichen Aufträge mit Umweltbezug, 30 % mit Sozialbezug[4]. Indikative Zielwerte — aber sie zeichnen den erwarteten Standard vor.

Die vier Schritte nachhaltiger Beschaffung nach ISO 20400 1. Richtlinie ISO 20400 Vision & Anspruch 2. Auswahl Zuschlagskriterium Lieferanten-Scoring 3. Erfüllung Sozialklausel Umweltklausel 4. Messung Kennzahlen & Wirkungs-Reporting Die Richtlinie (ISO 20400) bedingt die Auswahl, die sich in der Erfüllung (Klauseln) fortsetzt und durch die Wirkungsmessung geschlossen wird.
Eine Richtlinie für nachhaltige Beschaffung ist kein Klauselkatalog: Sie ist ein Kreislauf, der Vision, Auswahl, Erfüllung und Messung verbindet. Das vierte Glied ist jenes, das die digitalen Werkzeuge bespielen.

Lieferantenbewertung: die CSR-Strategie objektivieren

Steht die Richtlinie, bleibt das Problem: „Wie vergleiche ich zwei Lieferanten?“ Die Antwort führt über die CSR-Bewertung. Mehrere Akteure haben sich etabliert: EcoVadis vergibt einen Score von 100, verglichen mit dem Sektor-Durchschnitt; das Label RFAR (Relations Fournisseurs et Achats Responsables), getragen vom Unternehmensombudsmann des französischen Wirtschaftsministeriums (Médiateur des entreprises), bescheinigt die Reife der Einkaufsfunktion[5]. Lucie und B Corp decken breitere Bereiche ab, eignen sich aber ebenso für Lieferanten. Der richtige Reflex ist nicht, ein einziges System vorzuschreiben, sondern eine Schwelle festzulegen: „EcoVadis-Score ≥ 45 oder gleichwertiges Label“.

Eine Bewertung taugt nur etwas, wenn sie in der Entscheidung Gewicht hat. Der klassische Fehler besteht darin, Scores zu sammeln und sie dann zugunsten des Preises zu ignorieren. Eine explizite Gewichtungsmatrix (etwa 50 % Preis, 20 % Qualität, 20 % CSR, 10 % Lieferzeit) zwingt dazu, den Zuschlag anhand bekanntgemachter Kriterien zu vergeben statt aus dem Bauch heraus. Genau das verwandelt eine CSR-Strategie in einen Hebel der nachhaltigen Beschaffung: Sie wird zum Steuerungskriterium, nicht zur Kommunikation.

Referenzwerk / LabelReichweiteTypischer Einkaufseinsatz
ISO 20400Leitlinien (nicht zertifizierbar)Rahmen der Einkaufsrichtlinie
EcoVadisCSR-Score je Lieferant, Skala 100Eignungsschwelle, Sektor-Benchmark
Label RFARVerantwortungsvolle Lieferanten- & EinkaufsbeziehungenNachweis der Reife der Einkaufsfunktion
VSME (EFRAG)Freiwilliges Nachhaltigkeits-Reporting für KMUAntwort an CSRD-pflichtige Auftraggeber

Karte und 1%ForAll®: wenn das Zahlungsmittel zum Wirkungshebel wird

Es gibt einen Winkel, den wenige Einkäufer nutzen: das Zahlungsmittel selbst. Eine Firmenkarte ist nicht neutral. Sie verfolgt jede Transaktion, konsolidiert die Ausgaben je Lieferant und führt — im Fall der Greenway-Karte mit dem Programm 1%ForAll® — 1 % jeder Zahlung an die Greenway-Stiftung ab. Die Wirkung wird messbar, an eine reale Ausgabe gekoppelt statt an ein Versprechen. Das ist exakt das vierte Glied des ISO-20400-Kreislaufs: die Messung.

Dieser Mechanismus interessiert Einkaufsabteilungen doppelt. Erstens verwandelt er eine Supportfunktion (das Zahlen) in einen Wirkungssensor ohne Zusatzprozess: Die Daten existieren ohnehin und speisen das Reporting. Zweitens antwortet er auf den Druck von oben: Ein Auftraggeber, der von seinem Lieferanten ein VSME-Reporting verlangt, weiß es zu schätzen, wenn dieser eine dokumentierte Wirkung vorlegt statt einer Absichtserklärung. Um diese Logik in den Gesamtrahmen aus Konformität und CSR einzubetten, legt unser CSR- & CSRD-Whitepaper die Fundamente.

Achtung

Verwechseln Sie Absichtserklärung und messbare Wirkung nicht. Eine Beschaffungsrichtlinie, die keine konsolidierten Daten je Lieferant erzeugt, ist nicht auditierbar. Bei steigenden Anforderungen der Auftraggeber ist das ein kommerzielles Risiko: Der CSRD-Kunde bevorzugt den Lieferanten, der beweist, vor dem, der behauptet.

Häufige Fragen

Was ist eine Richtlinie für nachhaltige Beschaffung im Unternehmen?

Eine strukturierte Herangehensweise, die ökologische, soziale und ethische Kriterien in den Einkaufsprozess einbindet — von der Lieferantenauswahl bis zur Vertragserfüllung. Der Referenzrahmen ist die ISO 20400:2017, Leitlinien aufgebaut auf der ISO 26000[3].

Schafft das Omnibus 2025 die Pflicht zu nachhaltiger Beschaffung ab?

Nein. Es hebt die CSRD-Schwellen auf mehr als 1.000 Beschäftigte und 450 Mio. € Nettoumsatz und nimmt damit rund 80 % der Unternehmen aus der Pflicht[1]. Die verbleibenden Auftraggeber verlangen aber weiterhin Daten aus ihrer Wertschöpfungskette — über den freiwilligen VSME-Standard[2].

Was ist die Sozialklausel eines Auftrags?

Eine Erfüllungsklausel, die dem Auftragnehmer soziale Zusagen auferlegt: Eingliederungsstunden, Beschäftigung von Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt, Zusammenarbeit mit Eingliederungsstrukturen. Im öffentlichen Sektor stützt sie sich auf Artikel 38 der Ordonnance von 2015. Sie lässt sich auf private Verträge übertragen[4].

Kann man sich nach ISO 20400 zertifizieren lassen?

Nein. Die ISO 20400 liefert Leitlinien, kein zertifizierbares Managementsystem wie die ISO 9001 oder die ISO 14001. Ein Unternehmen richtet sich an ihr aus und kann seine Reife bewerten lassen — „zertifizieren“ lässt sich darauf nicht[3].

Welches Lieferanten-Scoring wählen?

EcoVadis (Score von 100, verglichen mit dem Sektor-Durchschnitt) und das Label RFAR des Unternehmensombudsmanns (Médiateur des entreprises) sind in Frankreich am weitesten verbreitet[5]. Sinnvoll ist es, eine Eignungsschwelle festzulegen und sie in der Entscheidungsmatrix zu gewichten, statt ein einziges Tool zu erzwingen.

Wie kann eine Zahlungskarte der nachhaltigen Beschaffung dienen?

Die Karte verfolgt jede Transaktion je Lieferant und speist direkt das Wirkungs-Reporting. Mit dem Programm 1%ForAll® fließen 1 % jeder Zahlung an die Greenway-Stiftung: Die Wirkung ist messbar und an eine reale Ausgabe gekoppelt — ohne Zusatzprozess für den Einkäufer.

Dachartikel: Dieser Leitfaden ist Teil unseres Whitepapers zu E-Rechnung und Beschaffung.

Referenzen

  1. Portail RSE (gouv.fr), CSRD-Schwellen und Omnibus-Richtlinienpaket: Anwendungskriterien (> 1.000 Beschäftigte und 450 Mio. € Nettoumsatz, kumulative Kriterien, ~80 % der Unternehmen aus dem Rahmen). portail-rse.beta.gouv.fr. ↩
  2. EFRAG / Amelkis Solutions, VSME (Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs): modularer freiwilliger Rahmen für die KMU der Wertschöpfungskette, angefragt von CSRD-pflichtigen Auftraggebern. amelkis-solutions.com. ↩
  3. ISO, ISO 20400:2017, Nachhaltige Beschaffung — Leitlinien (aufgebaut auf der ISO 26000, nicht zertifizierbar). iso.org. ↩
  4. Observatoire des achats publics / marche-public.fr, Leitfaden zu den sozialen Aspekten der öffentlichen Auftragsvergabe (V3): Artikel 38 der Ordonnance von 2015, soziale Erfüllungsklausel; nationale Ziele 100 % Umwelt / 30 % Soziales. marche-public.fr. ↩
  5. Économie.gouv.fr (Médiateur des entreprises), Label Relations Fournisseurs et Achats Responsables (RFAR): Nachweis der Reife der Einkaufsfunktion. economie.gouv.fr. ↩

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